Shared Heritage - Gemeinsames Erbe. Kulturelle Interferenzräume im östlichen Europa als Sujet der Gegenwartsliteratur

Projektidee

Seit einigen Jahren nehmen auffallend viele Schriftsteller*innen in ihrem Schreiben Bezug auf das östliche Europa im 20. Jahrhundert. Häufig spielen ihre literarischen Texte in multiethnischen Regionen mit deutschsprachigen Bevölkerungsanteilen wie etwa Schlesien, Siebenbürgen, Böhmen, Kärnten, aber auch in der früheren Sowjetunion. Dieses Phänomen einer literarischen Rekonstruktion verloren gegangener kultureller Interferenzräume soll im Kulturprogramm zur Begleitung der EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands im Herbst 2020 in den Blick gerückt werden. Geplant sind eine literaturwissenschaftliche Konferenz in Berlin sowie Schriftsteller*innenlesungen für ein breiteres Publikum, ebenfalls in Berlin sowie in weiteren deutschen Städten.
Zahlreiche dieser Autor*innen gehören nicht mehr der sog. ‚Erlebnisgeneration' an und wenden sich aus einem distanzierteren Blickwinkel ihrem Erzählgegenstand zu. Ihre Texte thematisieren Verletzungen und Verschwiegenes, Verflechtungen und Verbindungen sowie Trennendes auf eine neue Weise und in neuen Genres. Auffällig sind die Renaissance des Familienromans, das Comeback literarischer Reisereportagen sowie neue Formen zwischen Dokumentation und Tagebuch. Die Autor*innen leben und arbeiten im deutschsprachigen Raum ebenso wie beispielsweise in Litauen, Polen, der Slowakei, in Slowenien, Tschechien oder Ungarn; eine nicht unbeträchtliche Zahl von Schriftsteller*innen, die aus dem östlichen Europa stammen, aber nunmehr in deutschsprachigen Ländern leben, verfassen ihre literarischen Werke in deutscher Sprache.
In einer Fachtagung soll der aus der Architekturgeschichte und Denkmalpflege kommende Begriff ,Shared heritage' auf die Literatur – also aus dem Bereich der materiellen auf die immaterielle Kultur – übertragen werden, wo andere Gesetzmäßigkeiten gelten. Lässt sich der Begriff des geteilten Erbes auch auf literarische Texte und Räume anwenden? Welche neuen Erkenntnismöglichkeiten entstehen dadurch? Eröffnen sich bisher unbekannte literarische Räume? Welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede sind dabei zu bemerken? Welche neuen oder ‚wiederentdeckten' Sujets sind entstanden? Welche kulturelle oder politische Bedeutung hat die Thematisierung des gemeinsamen Erbes angesichts des vielfach kritischen Blicks auf Europa? Welche Rolle hat die Literatur in den gegenwärtigen Transformationsgesellschaften?

Projektformate und Zeitrahmen

1) Internationale Literaturwissenschaftliche Tagung, 19.-21. November 2020
Sprachen: Deutsch, Englisch

Fragenkomplexe

    Attraktivität des Schreibens über kulturelle Interferenz- und Grenzräume im östlichen Europa für Autor*innen und Leser*innen der Gegenwart – warum jetzt, wo die Zeitzeugen und Angehörige der Erlebnisgeneration aussterben? Welches literarische und erinnerungspolitische Potential bieten literarische Erinnerungen aus der Distanz der Kinder- bzw. Enkelgeneration?
    Komparatistische Perspektive: Das östliche Europa als Spezial- oder als exemplarischer Fall? Vergleichbare Phänomene in anderen Regionen, in Westeuropa (Elsass, Ostbelgien, Südtirol, das Burgenland), in Russland oder in der Türkei einbeziehen
    Shared heritage als Travelling concept von der Denkmalpflege zur Literaturwissenschaft auf Tragfähigkeit überprüfen

2) Abendveranstaltung am 20. November 2020
Podiumsgespräch mit Maja Haderlap

3) Weitere Lesungen an verschiedenen Orten im November 2020

Organisation
Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg (Konzept & Federführung)

Kooperationspartner
- Literaturhaus Berlin
- Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Berlin
- Deutsches Kulturforum östliches Europa, Potsdam
- Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, München
- Institut für Kultur und Geschichte der deutschen in Nordosteuropa, Lüneburg
- Adalbert-Stifter-Verein, München
- Klassik Stiftung Weimar, Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar
- Österreichisches Kulturforum Berlin

Veranstaltungsorte
Tagung: Literaturhaus in der Fasanenstraße/Berlin-Charlottenburg
Weitere Lesungen: Berlin, Hamburg, Leipzig, München, Weimar

Programm der Tagung